Das vergessene Engelshaar

Sp?t war es dieses Jahr Winter geworden. An wei?e Weihnachten hatte Martin nicht mehr geglaubt. Nun schneite es seit zwei Tagen ununterbrochen. Gro?e dicke Schneeflocken fielen vom Himmel und setzten sich auf die kahl gewordenen B?ume und Str?ucher. Die D?cher der H?user, die Zaunspitzen und der Kirchturm trugen ?ppige Schneehauben. Stra?en, Wege, Wiesen und Felder waren von einer wei?en Schneedecke zugedeckt. Von den D?chern und Stromleitungen hingen schwere Eiszapfen. Die Stra?e ins Tal war zugeschneit und nicht mehr befahrbar.

Es war seit langer Zeit Tradition auf dem Martinshof, einen Tag vor dem Heiligen Abend den Baum, der die weihnachtliche Stube schm?cken sollte, aus dem Wald zu holen. Heuer war Lukas, der j?ngste Sohn an der Reihe, mit seinem Vater in den Wald zu gehen, um den Christbaum zu schneiden. Lukas freute sich schon darauf und konnte es kaum erwarten, sich mit seinem Vater auf den Weg zu machen. Eingepackt in einen warmen Mantel, mit einem dicken Schal um den Hals und die M?tze tief ins Gesicht gezogen, wartete er vor dem Haus auf seinen Vater. Martin holte den Schlitten aus dem Schuppen und die beiden machten sich auf den Weg in den nahe gelegenen Jungwald.

Der tiefe Schnee machte den Weg m?hsam und beschwerlich. Lukas war m?de geworden und so setzte Martin den Kleinen auf den Schlitten und zog ihn hinter sich her. Nach einer Weile fragte Lukas. "Du Papa, wann kommt das Christkind und schm?ckt unseren Baum?" "Einmal musst Du noch schlafen, Lukas, dann kommt das Christkind." "Wenn Du brav gewesen bist", f?gte Martin noch hinzu. "Das warst Du doch?" "Ja", antwortete Lukas. Er hoffte jedoch insgeheim, dass das Christkind seinen letzten Dummejungenstreich nicht ganz genau gesehen hatte.

Endlich waren die beiden beim Wald angekommen. Martin lie? seinen pr?fenden Blick ?ber die B?ume schweifen. "Nehmen wir diese hier, Lukas", fragte er seinen Jungen und zeigte auf eine sch?ne und gleichm??ig gewachsene junge Tanne. "Ja, die ist sch?n. Und mit dem Engelshaar wird sie ganz besonders sch?n aussehen. Du Papi - schneiden sich die Engel wirklich die Haare ab, und h?ngen es auf den Baum?" "Wie schnell wachsen die Haare der Engel eigentlich?"

Lukas liebte Engelshaar. Er war fasziniert davon, dass die Engel ihr Haar abschnitten, um damit die Weihnachtsb?ume der Menschen zu schm?cken. Jedes Jahr, wenn endlich der Baum geschm?ckt in der Stube stand, die Kerzen brannten und das Gl?ckchen mit zartem Klang die Kinder aufforderte in die Stube zu treten, ging Lukas als erstes zum Baum und ber?hrte das glitzernde Engelshaar. Dann dankte er ganz still den Engeln droben im Himmel, f?r ihr feines, seidiges Haar welches den Baum so zart und wundersch?n machte.

"Oh Gott - das Engelshaar." "Martin, vergiss das Engelshaar nicht", hatte ihm seine Frau noch zugerufen, als er noch vor dem Wintereinbruch ins Tal fuhr, um in der nahegelegenen Stadt alles notwendige f?r das Weihnachtsfest zu besorgen. Er hatte es doch glatt vergessen. Da die Stra?e durch den vielen Schnee unbefahrbar war, konnte er nicht mehr ins Tal hinunter fahren, um welches zu besorgen. Was wird Lukas sagen, wenn es heuer kein Engelshaar auf dem Weihnachtsbaum gibt. Aus den Augenwinkeln betrachtete Martin seinen Sohn, der mit von der K?lte ger?teten Backen auf dem Schlitten sa? und mit leuchtenden Augen vom Engelshaar sprach.

Er schnitt den Baum, sch?ttelte den Schnee ab und packte ihn auf den Schlitten. Da es schon d?mmrig geworden war, mussten sie sich beeilen um noch vor Einbruch der Dunkelheit auf dem Martinshof zur?ck zu sein. Zu Hause wartete schon die Mutter mit hei?em Tee, der nach Nelken und Zimt duftete und mit s??en Keksen auf die beiden.

Abends in der Schlafstube sagte Martin zu seiner Frau: "Du Sofie, ich habe das Engelshaar vergessen. Was wird wohl Lukas sagen, wenn es kein Engelshaar auf dem Weihnachtsbaum gibt." "Es wird uns schon etwas einfallen", sagte Sofie. "Wir sagen ihm einfach, die Engel tragen jetzt Kurzhaarfrisuren, und daher gibt es heuer kein Engelshaar." "Eine dumme Ausrede", meinte Martin, aber es fiel ihm auch nichts besseres ein.

Er konnte lange nicht einschlafen. Er sprach er ein stilles Gebet und hoffte, dass es morgen am Heiligen Abend keine allzu gro?e Entt?uschung f?r Lukas sein w?rde, wenn das Engelshaar am Christbaum fehlt.

"Du Papa, darf ich noch ein wenig bei Dir kuscheln". Es war Lukas, der vor Aufregung nicht mehr schlafen konnte. Martin schlug die Decke zur Seite und Lukas kuschelte sich in seinen Arm. "Du Papa - ich habe einen Engel gesehen."

"Wann?" "Heute morgen.". "Wo?" "Er sa? in der K?che und schnitt sich die Haare ab." Martin l?chelte. "Du hast getr?umt mein Sohn." "Nein Papa - ich habe es wirklich gesehen. Aber ich musste mich verstecken, dass mich der Engel nicht sehen konnte - sonst h?tte er sein Haar ja doch wieder mitgenommen."

"Wir m?ssen aufstehen", sagte Martin. "Wir haben noch jede Menge zu tun. Und du Lukas, geh und hilf Deinen Schwestern im Stall. Die K?he m?ssen gef?ttert und gemolken werden - auch am 24. Dezember."

Martin holte den frisch geschnittenen Baum in die Stube. Dann stieg er auf den Dachboden, um die Schachtel mit dem Weihnachtsschmuck zu holen. Sie war weg. Er durchsuchte den ganzen Dachboden - konnte sie jedoch nicht finden. "Sofie, hast Du den Weihnachtsschmuck schon vom Dachboden heruntergeholt?" "Nein, sie muss noch auf dem Dachboden sein." "Dort ist sie nicht mehr. Ich habe jede Ecke durchsucht."

Martin war verzweifelt. In wenigen Stunden war Bescherung. Es war doch schon schlimm genug, dass es kein Engelshaar gab. Und jetzt war auch noch der Weihnachtsschmuck verschwunden. "Komm - hilf mir Brennholz vom Schuppen zu holen, sonst kann ich nicht kochen", bat Sofie ihren Mann. Als sie vom Schuppen zur?ckkamen staunten sie nicht schlecht.

Der Baum in der Stube leuchtete und gl?nzte. ?ber und ?ber mit sch?nem Schmuck, s??en Leckereien und seidig gl?nzendem Engelshaar beh?ngt. Auf der Spitze sa? ein kleiner Engel aus Salzteig, den Martin noch nie gesehen hatte. Ihm schien es, als ob ihm der Engel zuzwinkerte.

"Lukas, Julia, Anna, kommt schnell, das Christkind war da", rief Sofie. Die Kinder betraten mit gro?en Augen die leuchtende Stube. Lukas ging zum Baum, ber?hrte zart das Engelshaar. Dann blickte er zu Martin und sagte: "Habe ich Dir nicht gesagt, dass ich einen Engel gesehen habe, der sein Haar geschnitten hat."

Er blickte hinauf zum Engel auf der Spitze des Baumes und fl?sterte leise:

"Danke lieber Engel."

(Ulrike Baumann)
25.12.05 18:34
 


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